Stabilisierung – 1. Schritt

Da jedes Tier individuell auf Insulin anspricht, ist eine anfängliche Einstellungs- oder Stabilisierungsphase notwendig. Bevor damit begonnen wird, muss jedoch herausgefunden werden, ob bei der jeweiligen Katze ein unkomplizierter oder komplizierter Diabetes mellitus vorliegt.

Unkomplizierter Diabetes mellitus

Zwei Typen von diabetischen Katzen können als umkompliziert eingestuft werden:

  1. Katzen, die dem Tierarzt vorgestellt werden, nachdem der Besitzer das Auftreten von klinischen Symptomen ohne Verschlechterung des Allgemeinzustands festgestellt hat. Hierbei handelt es sich in der Regel nicht um Notfälle, jedoch kann durch umgehende, sorgfältige Behandlung die Entstehung von Komplikationen verhindert werden.
  2. Katzen, die nach anfänglicher diabetischer Ketoazidose oder Harnwegsinfektion und deren erfolgreicher Behandlung in einem stabilen Zustand sind.

Komplizierter Diabetes mellitus

Bei diesen diabetischen Katzen liegt eine der folgenden Komplikationen vor:

Diabetische Ketoazidose

Die Diabetische Ketoazidose (DKA) ist eine schwere metabolische Notfallsituation.

Eine DKA entsteht aufgrund von:

  1. länger bestehendem, nicht diagnostiziertem Diabetes mellitus.
  2. unzureichender Insulindosis bei behandelten Diabetikern.
  3. eingeschränkter Insulinwirkung und/oder Insulinresistenz, aufgrund von Adipositas, Begleiterkrankungen oder Medikamenten. Über zwei Drittel der Fälle von DKA werden durch diese Faktoren verursacht.

Aufgrund des Insulinmangels kann Glukose nicht als Energiequelle genutzt werden. Zur Energiegewinnung werden Fette gespalten. Während dieser sogenannten Lipolyse werden hohe Konzentrationen an Ketonkörpern gebildet. Es kommt zur Entstehung einer Ketose sowie einer Azidose, die mit einem Elektrolytungleichgewicht einhergehen. Aufgrund der Ketose kommt es zu Symptomen einer systemischen Erkrankung wie Anorexie, Übelkeit und Lethargie. Zudem sind Ketonkörper im Harn nachweisbar (Ketonurie).

Da es sich bei der DKA um einen Notfall handelt, muss so bald wie möglich mit der Behandlung begonnen werden. Die Behandlungsziele sind die Korrektur des Flüssigkeitsdefizites, des Säure-Basen-Gleichgewichts und des Elektrolytgleichgewichts. Weiterhin müssen die zugrunde liegenden und auslösenden Faktoren erkannt und korrigiert werden.

Das Flüssigkeitsdefizit, das Säure-Basen-Gleichgewicht und das Elektrolytgleichgewicht durch eine intravenöse Flüssigkeitstherapie mit isotonen Flüssigkeiten, z. B. 0,9%-iger Kochsalzlösung korrigiert. Wenn möglich, sollten die Elektrolytkonzentrationen und das Säure-Basen-Gleichgewicht zuvor bestimmt werden.

Eine abnehmende Blutkonzentration von Glukose und Ketonkörpern wird durch die intravenöse Verabreichung von schnellwirkendem Insulin erreicht. Caninsulin ist hierfür nicht geeignet, da Caninsulin ein subkutan zu verabreichendes Intermediärinsulin ist.

Alternativ werden auch intermittierende intramuskuläre Injektionen von niedrig dosiertem Intermediärinsulin beschrieben. Allerdings besitzt Caninsulin nur eine Zulassung zur subkutanen, nicht jedoch zur intramuskulären Verabreichung.

Erst wenn der Blutzuckerspiegel gesenkt und mindestens 4-10 Stunden lang zwischen 11 und 14 mmol/l (198 und 252 mg/dl) gehalten wird, kann mit der Insulintherapie unter Verwendung von subkutan appliziertem Caninsulin begonnen werden.

Hyperglykämisches hyperosmolares Syndrom

Das hyperglykämische hyperosmolare Syndrom (HHS) bzw. hyperosmolare nicht-ketogene Syndrom (HHS) ist eine seltene Komplikation beim unbehandelten Diabetes mellitus und gleichzeitig ein Notfall mit einer sehr zurückhaltenden Prognose.

HHS ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Hyperglykämie (z. B. >36 mmol/l oder >650 mg/dl) sowie Osmolalität (>380 mOsm/l). Bei derartig hohen Blutglukosekonzentrationen wird Wasser durch Osmose aus den Hirnzellen verlagert, wodurch der Patient in ein Koma fällt.
Vor der Entstehung von HHS sind zunächst die typischen klinischen Symptome des Diabetes mellitus Polyurie, Polydipsie und Polyphagie zu beobachten. In der Folge werden die betroffenen Katzen immer schwächer, anorektisch und lethargisch. Die Flüssigkeitsaufnahme geht zudem merklich zurück. Daher werden bei der klinischen Untersuchung häufig eine starke Dehydratation, Lethargie, schwere Depression oder gar Koma festgestellt.

Es scheint ein direkter Zusammenhang zwischen der Schwere der Hyperosmolalität und der Schwere der klinischen Symptome zu bestehen.

Das HHS kann durch die viel höhere Glukosekonzentrationen im Plasma (>36 mmol/l) von einer diabetischen Ketoazidose abgegrenzt werden. Zudem ist keine Ketoazidose nachweisbar.
Ziel der Behandlung ist die Korrektur des hyperglykämischen hyperosmolaren Zustands. Dies wird durch aggressive intravenöse Flüssigkeitstherapie und durch die Verringerung der Blutzuckerkonzentration erreicht.

Während der ersten 4-6 Stunden ist die Flüssigkeitstherapie entscheidend. Mit der Insulintherapie kann so lange gewartet werden, bis sich der Zustand des Tieres verbessert hat.
Allerdings ist die Prognose für eine vollständige Erholung für Katzen in diesem Zustand extrem zurückhaltend zu stellen. Sogar bei angemessener Behandlung sterben viele Tiere innerhalb der ersten 24 Stunden. Die langfristige Überlebensrate liegt bei nur etwa 12%.

Zusammen mit der Insulintherapie sollte eine spezifische Behandlung zur Minimierung der Komplikationen erfolgen. Sobald die Katze stabilisiert ist, kann die Behandlung entsprechend dem Regime für unkomplizierten Diabetes fortgesetzt werden.